Bulldog Blog

sniffing around investigative reporting

Round-Up Datenjournalismus

Mike McGraw, 2005 in der Redaktion der Kansas City Star

Es war ein erster Meilenstein des Datenjournalismus: 1992 gewannen Jeff Taylor and Mike McGraw vom Kansas City Star den Pulitzer-Preis mit einer kritischen Geschichte zum US-Landwirtschaftsministerium. Darin ging es unter anderem um die Subventionsvergabe. Mit Hilfe einer Computer-Auswertung von Daten (damals noch auf Lochkarten) konnten die beiden zeigen, dass nicht die Farmer sondern Großkonzerne, Banken und Casinos in Indianerreservaten die meisten Landwirtschaftssubventionen erhielten. Das Beispiel zeigt, der „Data Driven Journalism“ und das „Computer-Assisted Reporting“ (CAR) blicken im anglo-amerikanischen Raum auf mehr als 20 Jahre Geschichte und Geschichten zurück.

Vielleicht ist das der Grund, warum sich amerikanische und britische Medien viel intensiver der Datenrecherche widmen. In Europa arbeiten in dem Fachgebiet nur noch Skandinavier und ein paar Einzelkämpfer, zumeist Recherchetrainer. Für Deutschland gilt, Datenjournalismus ist eine zarte Pflanze: Aber die Zahl der Gärtner nimmt langsam zu.

Tatsächlich haben die Journalisten seit kürzerem einen neuen und für auf Exklusivität bedachte Rechercheure unwahrscheinlichen Bündnispartner: die Open-Data-Bewegung, die sich langsam formiert und möglichst viele Regierungs- und Behördendaten „befreien“ will, um so Transparenz für die Bevölkerung zu erreichen.

Die Allianz kann fruchtbar werden, denn nur mit immer mehr Anfragen und ggf. Klagen werden sich Regierungseinrichtungen dazu bewegen lassen, Daten freizugeben. Die Partner schließen sich auch nicht grundsätzlich aus, denn sind die Daten erst einmal öffentlich ist es immer noch eine Frage der Auswertungskompetenz, daraus exklusive Geschichten zu gewinnen. In den USA wetteifern die Redaktionen, wer den besten Datenscoop recherchiert – nicht selten findet man Teams von Programmierern, Rechercheuren und Autoren.

Ich möchte an dieser Stelle auf eine paar zentrale Netz-Fundstellen zum Datenjournalismus aufmerksam machen, sozusagen als Round-Up im ersten Post dazu.

Datenjournalismus und Hintergrund:

Skepsis zur Finanzierbarkeit des Datenjournalismus äußerte kürzlich die Netzpresse Online. Ein wirklich gutes Blog zum Thema schreibt derzeit Lorenz Matzat. Und warum selbst eine Nachrichtenagentur um Datenjournalismus nicht herum kommt, erklärt Christoph Dernbach von der dpa-InfoCom im Deutschland Radio Kultur.

Beispiele und „best practice“:

Führend ist in Europa zurzeit sicherlich das Data-Blog des Guardian, hier geht es nur um Daten, Fakten und deren Visualisierung. Herausragend ist beim Guardian unter anderem die Umsetzung des Wikileaks-Scoops dieses Sommers. So präzise, so umfassend. In Deutschland deutet das ZDF-Parlameter an, was in Zukunft möglich sein wird. Bemerkenswert ist auch die Guantanamo-Datenbank der New York Times. Jeder Inhaftierte ist dort verzeichnet und mit Dokumenten zur Person verlinkt. Der Data Desk der L.A. Times präsentiert einige starke visuell-interaktive Umsetzungen von Datenmaterial online, etwa die Morde in der Stadt der Engel. Übrigens, fast 20 Jahre nach McGraws Pulitzer Preis finden sich ähnliche Erkenntnisse zu Landwirtschaftssubventionen bei Farmsubsidy.org – nur eben für Europa.

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Banker und Kinderporno-Spuren

Alle Medien schreiben, reden und echauffieren sich über (Ex-)Bundesbanker Thilo Sarrazin – dabei gibt es noch ein paar Berufskollegen, die einen entsetzten Aufschrei der Öffentlichkeit verdienen. DER SPIEGEL, namentlich die Kollegen Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt, berichtet seit zwei Wochen über Ereignisse bei der HSH Nordbank, die kaum zu fassen sind. Um einen missliebigen Manager loszuwerden, sollen Kinderporno-Spuren gelegt worden seien. Einem anderen Banker seien Belege untergeschoben worden, dass er als Maulwurf Informationen der Presse stecke.  Mitarbeiter seien von einer Security-Firma ausspioniert, Büros verwanzt worden.

Unglaublich!?! Die Lektüre lohnt sich, dieser Wirtschaftskrimi ist vielleicht der stärkste Scoop des Sommers – noch vor den Wikileaks-Dokumenten zur Lage in Afghanistan. Jetzt geht es bei der HSH darum, wer was wann gewusst hat. Aber Hand aufs Herz: Sollten die Berichte stimmen, könnten Aufsichtsrat und Vorstand der Bank geschlossen zurücktreten. Es ist an der Zeit, dass sich jemand darüber aufregt, Sarrazin bekommt schon genug Aufmerksamkeit.

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Abgeordnete und Rüstungsvereine

Schön, wenn alte Recherchen wieder aufgegriffen werden. Das Transparenzportal Abgeordnetenwatch thematisiert gerade die Nähe zwischen dem Abgeordneten Gerd Höfer (SPD) und der Rüstungslobby. 2009 hatten Datenrechercheure der Nachrichtenagentur dpa aufgedeckt, dass sich fünf Abgeordnete in rüstungsnahen Vereinen engagierten ohne das der Öffentlichkeit mitzuteilen – also ihren Transparenzpflichten im Bundestag nachzukommen.

Ich möchte kurz schildern, wie wir auf die Geschichte aufmerksam wurden, weil die Methode dem Datenjournalismus entstammt, der gerade versucht, als zartes Pflänzchen in Deutschland zu blühen. Weder die Vereine noch die Abgeordneten hatten wir vorher auf dem Radar, wir stießen auf sie, weil wir mit Hilfe des Computer-Assisted Reporting (CAR) auf Fischzug gingen.

Die Idee war einfach: Wir wollten ermitteln, wie viele Namen der rund 600 Bundestagsabgeordneten auch im Verzeichnis der Liste der registrierten Lobbyisten auftauchen – an sich schon eine Skurrilität, dass Volksvertreter auch als Vertreter von Verbänden und Vereinen geführt werden (Firmenlobbyisten und Kanzleien sind in dem Verzeichnis erst gar nicht enthalten).

Im Prinzip mussten nur zwei Listen verglichen werden, in der Praxis war dafür ein programmierter Roboter und viel Geduld von Nöten. Mit sogenanntem Webscraping (Mining-Software: Mac „Anthracite“ und Microsoft „OpenKapow“) las ein Kollege die Namen und Daten der Abgeordneten von der Bundestagswebseite aus. Gleiches geschah mit der Lobbyliste. Die gewonnenen Informationen mussten dann in Access und Excel und angepasst werden.

Insgesamt konnten wir rund 1900 Namen von der Lobbyliste extrahieren. Und wir fanden 111 Übereinstimmungen mit Namen von Mitgliedern des Bundestags (MdB), die wir nun einzeln nachprüften, weil bei Namensvergleichen die Schreibweisen, Abkürzungen, Titel hinderlich sind und natürlich Fehlzuordnungen etwa bei „Christian Schmidt“ auftauchen können.

Aber: 111 Namen kann man sich in überschaubarer Zeit einzeln anschauen, 1900 im PDF der Lobbyliste hingegen nicht. Bei der weiteren Recherche stießen wir auf die Vereine Deutsche Gesellschaft für  Wehrtechnik e.V. (DWT), Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik e.V. (DfW) und Förderkreis Heer e.V. in deren Präsidien und Vorständen viele Abgeordnete saßen. Die Einzelfall-Prüfung zeigte dann, dass fünf ihre Tätigkeiten beim Bundestag nicht angezeigt hatten. Wir schrieben sie an, ihre Antworten zeugten von Ignoranz der Regeln oder schlicht Unwissen – sofern man nicht Absicht unterstellen will. Ein kleiner Scoop!

Insgesamt arbeiteten zwei Kollegen drei Wochen an dem Projekt – on and off – neben der eigentlichen Arbeit. Der Aufwand hat sich gelohnt. Der Text wurde fast in allen wichtigen Zeitungen gedruckt oder online aufgegriffen, wie die kleine Liste zeigt: Handelsblatt, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Kölnische Rundschau, Frankfurter Rundschau, ntv und schließlich wurde das Ergebnis auch von Lobbywächtern übernommen.

In den genannten drei Vereinen waren weitere MdB tätig, die ihre Tätigkeit vorschriftsmäßig veröffentlicht hatten. Darunter Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU, Präsidium Förderkreis Heer), Bernd Siebert (CDU, Präsidium Förderkreis Heer und Präsidium DWT), Jörg van Essen (FDP, Vorstand Förderkreis Heer und Präsidium DWT), Kurt J. Rossmanith (CSU, Präsidium DWT), Thomas Kossendey (CDU, Vizepräsident DWT) und Ulrike Merten (SPD, Vorstandsmitglied der DWT).

Hinterfragen sollte man diese Vereine deshalb wohl um so mehr – auch weil sie den Eindruck erwecken, dass dort Regierung, Parlament, Bundeswehr und Rüstungslobby hinter verschlossenen Türen kungeln.

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Hello world – los gehts!

So, nach langem Vorlauf, startet jetzt endlich der Versuch, mit einem eigenen Blog den Recherchejournalismus in Deutschland zu begleiten, einige Beobachtungen zu notieren und auf besonders gute Recherchen und wirkliche Scoops aufmerksam zu machen. Geplant sind zunächst ein bis zwei Posts im Monat, wenn es sich mit der Arbeit vereinbaren lässt. Hello world – a watchdog is off the leash.

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Dieser Wachhund interessiert sich für bissigen Journalismus, den es Experten zufolge in Deutschland gar nicht gibt, der trotzdem immer weniger wird, aber für die Demokratie unerlässlich ist: Investigativen Journalismus. Das Blog will "best practice" Beispiele aus dem deutschen und anglo-amerikanischen Raum zeigen, handwerkliche Kniffe vermitteln und zur Diskussion über Recherche anregen. Der Autor, Lars-Marten Nagel, arbeitet als freier Reporter, Rechercheur und Recherchetrainer in Hamburg und mag vor allem eines: Gut recherchierte Geschichten.