Bulldog Blog

sniffing around investigative reporting

Embedded – Zum Tod des Fotografen Tim Hetherington

Seit dem Beginn von George W. Bushs Irakkrieg ist viel Negatives über sogenannte „embedded“ Kriegsreporter geschrieben worden. Es handelt dabei sich um Journalisten, die US-Einheiten zugeordnet werden, um vor Ort über den Krieg berichten zu können.

„Embedded reporter“ würden manipuliert, ihnen würden nur ausgewählte Auszüge des Geschehens gezeigt und sie könnten die Ereignisse nicht neutral beurteilen, lauten häufige und berechtigte Vorwürfe an diese Form der Vor-Ort-Recherche.

Insbesondere die kaum ausbleibende Verbrüderung der Reporter mit den Soldaten, die zumeist auch Beschützer sind, ist ein schwieriges Thema. Physische wie emotionale Nähe und berufsgebotene Distanz widersprechen sich. Trotzdem kann „embedded war journalism“ einen erheblichen Wert für die Berichterstattung haben.

Im Besten Fall kann er das Mikrobild zeigen, dokumentieren, was den einzelnen Soldaten antreibt, was er fühlt, wie er lebt und überlebt. Im Besten Fall kann er zu Ergebnissen wie dem Dokumentarfilm „Restrepo“ des Fotografen Tim Hetherington (einige seiner Bilder hier) und dem Buch „War“ des Autors Sebastian Junger (bekannt seit „The Perfect Storm“) führen.

Gemeinsam haben sie bei den Soldaten eines entfernten Vorposten in einem der gefährlichsten Flecken Afghanistans, dem Korangal Valley, gelebt und den Krieg täglich aus erster Hand erfahren.

Was Junger dann auf Papier bringt und Hetherington in der Doku festhält sind erstaunliche Zeugnisse vom Töten, Sterben und Lieben in Afghanistan. Sie erzählen von der Menschlichkeit – im guten wie im schlechten Sinn – des US-Soldaten in der für Zivilisten kaum fassbaren Frontsituation. Den Vorposten „Restrepo“, benannt nach einem toten US-Sanitäter, schildert Junger:

It’s a miraculous kind of antiparadise up here: heat and dust and tarantulas and flies and no women and no running water and no cooked food and nothing to do but kill and wait.

Hetherington und Junger greifen den Leser und Zuschauer und setzen ihn im Korangal Valley ab, wie die Black Hawks die US-Soldaten. Sie erzählen wie der Krieg die Männer verändert. Wie sich Soldaten freimütig Sorgen machen, ob sie ohne den (Dopamin-)Kick der Feuergefechte überhaupt noch in der zivilen Welt leben können oder wollen.

Die Bruderschaft unter Soldaten, die Bereitsschaft sein Leben für die Gruppe zu Opfern, die langfristige Unterdrückung der Sexualität, die Rohheit der Männer in Abwesenheit von Frauen – die beiden Reporter mögen „embedded“ gewesen sein, schön färben sie den Krieg nicht. Die Todesgefahr ist allgegenwärtig wie der abgründige Soldaten-Humor, um mit ihr umzugehen:

We pass quietly below the dark masses of the mountains and occasionally we see a porch light burning down in the valley like a lone planet in an inverted sky. A long time later we’re still on the road when a sick, hollow little whistle passes overhead. A few minutes later it happens again. No one knows what it is but later I find out they were sniper rounds fired from way down-valley – off-target but still boring fiercely through the darkness bearing their tiny loads of death.

„Those rounds hit pretty close to you in Karingal?“ I overhear someone ask O’Byrne after the patrol. „Yeah, they were pretty fucking close.“ „When you didn’t radio back we thought you might have been hit. But we didn’t hear any screaming, so we figuered you were okay.“ „Yeah – “ „- or he was hit in the mouth,“ somebody else offers. Even O’Byrne has to laugh.

Die Taliban und ihre Perspektive werden bei „War“ und „Restrepo“ ausgeblendet – das ist ein Manko aber kein Vorwurf an die beiden Reporter. Näher ran kommt niemand an den Krieg. Das Recherche-Risiko war das eigene Leben.

Am Mittwoch, den 20. April, ist Tim Hetherington während seiner Arbeit in der libyschen Stadt Misurata von einer Granate getötet worden.

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Käuflichkeit der Presse

Ja, ich weiß, der Blog steht still. Es gibt gute Gründe, bin umgezogen, neuer Job etc. – aber ich gelobe Besserung.

Heute möchte ich auf den taz-Kollegen Sebastian Heiser und eine seiner Recherchen aufmerksam machen. Vor kurzem wurde er vom Medium Magazin zum Newcomer des Jahres gekührt. Warum, das beweist er mit einer fantasievollen und wichtigen Recherche. Er hat für die taz ausgetestet, wie käuflich deutsche Medien sind. Undercover als Werbeagent bot er an, Anzeigen zu platzieren und lotete aus, welches „redaktionelle Umfeld“ dafür in Frage käme. Recherchefrage: Kann ein großzügiger Anzeigenkunde auch auf inhaltlich genehme Berichte hoffen? Das Ergebniss: Licht (Spiegel und BILD) und Schatten (FR und WAZ).

Lange nach Wallraffs und Kromschröders großen Rollenreportagen gab es zuletzt nur wenige gute und sinnvolle Undercover-Recherchen, wohl auch weil viele Kollegen vor dem Aufwand zurückschrecken (wie ich übrigens auch). Heiser hat sich die Zeit genommen und zudem ein wichtiges Thema gewählt, über das nur wenige sprechen und Medien nicht gern berichten.

Ein Pressesprecher eines Lobbyverbandes in Berlin erzählte mir einmal beim Bier, wie es mit der Werbung so laufe. Auch er vergebe ab und an Anzeigen. Wenn er größere Werbeserien in Magazinen oder Zeitungen schalte, riefen ihn alsbald die Anzeigenabteilungen der Konkurrenten an, um auch einen Auftrag mitzunehmen. Nicht selten würden ihm wohlwollende Sonderbeilagen angeboten. Er sprach nicht nur von Regionalzeitungen, sondern auch von Blättern der überregionale Qualitätspresse – nur offiziell könnte er das alles nicht bestätigen (bitte keine Namen oder Fakten).

Geschickt hat nun Heiser die Heimlichtuer vorgeführt. Wie heißt es doch gleich: Wer zahlt, schafft an. Nur für die Glaubwürdigkeit des Journalismus ist das tödlich.

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Dieser Wachhund interessiert sich für bissigen Journalismus, den es Experten zufolge in Deutschland gar nicht gibt, der trotzdem immer weniger wird, aber für die Demokratie unerlässlich ist: Investigativen Journalismus. Das Blog will "best practice" Beispiele aus dem deutschen und anglo-amerikanischen Raum zeigen, handwerkliche Kniffe vermitteln und zur Diskussion über Recherche anregen. Der Autor, Lars-Marten Nagel, arbeitet als freier Reporter, Rechercheur und Recherchetrainer in Hamburg und mag vor allem eines: Gut recherchierte Geschichten.