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sniffing around investigative reporting

Krise bei Wikileaks

An Feinden von außen dürfte es Wikileaks nie gemangelt haben – zu radikal ist die Idee der unzensierbaren dauerhaften Veröffentlichung von Dokumenten, die Regierungen, Behörden, Geheimdienste, Parteien oder Unternehmen lieber geheim halten würden. Doch diese Gegner konnten bislang der cleveren Konstruktion mit Servern in verschiedenen Staaten wenig anhaben.

Nun aber steht Wikileaks vielleicht vor seiner größten Herausforderung: Es droht die Zersetzung von innen. Die Seite ist zurzeit down. Diese Woche wurde bekannt, dass sich Daniel Domscheit-Berg, der alias „Daniel Schmitt“ in Deutschland für Wikileaks sprach, aus dem Team zurückgezogen hat. Mit seinem Outing scheint auch der Weg zurück bewusst verbaut. Er soll nicht allein sein, auch Programmierer sollen sich verabschiedet haben.

Wie der Spiegel berichtet scheiden sich die Geister an der charismatischen Führungsfigur Julian Assange. Offenbar ist der nicht nur genial in seinen Visionen neuer Transparenz und technischen Fähigkeiten, sondern auch schwierig im Führungsstil. Das Blog Threat Level des US-Magazins WIRED hat den Moment des Bruchs zwischen Schmitt und Assange dokumentiert; es veröffentlicht ein Chat-Protokoll zwischen den beiden.

Die Auseinandersetzung ist schwer zu bewerten, weil Wikileaks selbst – sicher auch aus Angst vor Eingriffen von außen – immer intransparent geblieben ist. Ich erinnere mich an eine Frage aus dem Publikum bei der letzten Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz an Daniel Schmitt auf dem Podium: „Wie fällen Sie Entscheidungen? Eher basisdemokratisch wie bei der taz oder durch Einzelpersonen und Hierarchien?“ Die Antwort war so unpräzise, dass mir der exakte Wortlaut entfallen ist. Sinngemäß: Irgendwie in der Gruppe.

Nun stellt sich Assange als alleiniger Kopf und Entscheider dar. Threat Level zitiert ihn mit unglaublichen Worten:

„I am the heart and soul of this organization, its founder, philosopher, spokesperson, original coder, organizer, financier and all the rest. If you have a problem with me, piss off.“

Damit wird er Individualisten und klugen Köpfe, die er für das Projekt braucht, eher vergrätzen als motivieren.

Aber egal, wie es mit Wikileaks weiter geht, Fakt ist letztlich, dass die Seite dem lahmenden deutschen Recherchejournalismus mehrfach Steilvorlagen geliefert hat (z.B. die Mautverträge) und es bitter wäre, auf diese Quelle in Zukunft verzichten zu müssen.

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Dieser Wachhund interessiert sich für bissigen Journalismus, den es Experten zufolge in Deutschland gar nicht gibt, der trotzdem immer weniger wird, aber für die Demokratie unerlässlich ist: Investigativen Journalismus. Das Blog will "best practice" Beispiele aus dem deutschen und anglo-amerikanischen Raum zeigen, handwerkliche Kniffe vermitteln und zur Diskussion über Recherche anregen. Der Autor, Lars-Marten Nagel, arbeitet als freier Reporter, Rechercheur und Recherchetrainer in Hamburg und mag vor allem eines: Gut recherchierte Geschichten.