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sniffing around investigative reporting

Wikileaks vs. USA – 4 : 0

Es ist der vierte Wikileaks-Streich seit April: In den kommenden Tagen werden deutsche und internationale Medien mehrere hunderttausend Telegramme von US-Diplomaten und Analysten diskutieren und – vorneweg ein großes deutsches Nachrichtenmagazin – die Weltsicht der USA daraus ableiten.

Die selbsternannten Enthüller um Julien Assange treffen die Amerikaner damit das vierte Mal in Folge ins Mark ihrer Außenpolitik. Da war zu Ostern die Enthüllung des Videos “Collateral Murder”, das zeigte, wie ein Reuters-Journalist und mehrere Iraker von einer US-Hubschrauberbesatzung erschossen werden, samt sarkastischer Kommentierung der Schützen. Es folgten viele hunderttausend Militär-Depeschen aus Afghanistan- und Irakkrieg sowie nun die Diplomatenpost.

Neue Strategie:  Weniger ist mehr, aber nicht unbedingt besser

Diese Reihung ist interessant, weil die großen Enthüllungen im Jahr 2010 ausschließlich die USA betreffen. Zugleich hat sich eine Art Veröffentlichungsmechanismus mit Hilfe von einflussreichen und exklusiv vorab belieferten Medien (New York Times, SPIEGEL, Guardian, Le Monde und El País) eingespielt. Darin scheint sich eine neue Wikileaks-Strategie abzuzeichnen.

In den Anfangsjahren (nach 2007) waren auf der Plattform noch viele im internationalen Maßstab unbedeutende, national aber wichtige Dokumente, zu finden. Erinnert sei beispielsweise an die Unterlagen zur deutschen Lkw-Maut, die zwar für die hiesige Öffentlichkeit wichtig im Weltmaßstab hingegen eher unwichtig war.

Damals unterteilte Wikileaks seine Webseite noch nach Ländern. Skandalträchtige Dokumente aus dem Vereinigten Königreich, Kenia oder der Schweiz standen gleichwertig nebeneinander. Veröffentlicht wurde für alle Medien bis auf wenige Ausnahmen (Stern und heise.de erhielten die Maut-Verträge exklusiv) zeitgleich.

Diese Zeit scheint vorerst vorbei. Möglicherweise spielen finanzielle Gründe und Ressourcen dabei die zentrale eine Rolle. Assange sagt selbst, dass nach den Großenthüllungen die meisten Spendengelder fließen. Auf Geld ist Wikileaks letztlich zum Selbsterhalt angewiesen. Die letzten Monate haben zudem klar gezeigt: Der riesige Bekanntheitsschub speist sich aus der Konfrontation mit der letzten verbliebenen Supermacht.

In gewisser Hinsicht ist die Entwicklung schade, denn die vielen „kleinen“ Enthüllungen stellen auch einen Wert dar. Für die Menschen in den jeweils betroffenen Ländern waren sie häufig relevanter als die Skandale der entfernten USA. Auch ist davon auszugehen, dass andere Großmächte – China, Iran, Russland, Indien – ähnlichen oder größeren Enthüllungsbedarf haben als die USA.

Gedacht gegen Unrechtsregime, Erfolg gegen die USA

Der Beweis, dass Wikileaks positiv auf weniger freiheitliche Regime und Diktaturen wirken kann, steht freilich noch aus. In früheren Selbstbeschreibungen von Wikileaks hieß es einmal, dass Dissidenten beteiligt seien und sich die Plattform auch gegen Regime der Unterdrückung wende.

Ich schrieb Anfang 2009 basierend auf einem Interview mit dem damaligen Sprecher und Wikileaks-Angaben im Internet für die dpa:

«Wir sind eine Gruppe von Menschenrechtlern, Dissidenten, Journalisten und Technikern, die eine unzensierbare Internetplattform für heikle Dokumente betreiben», sagt Daniel Schmitt, ein deutscher Mitarbeiter der Webseite. Die Mehrzahl der ehrenamtlichen Mitarbeiter bleibt lieber anonym, denn primäres Ziel ist die Unterwanderung der «von Unterdrückung geprägten Regime» etwa in China, Russland, dem Nahen Osten oder Afrika.

So ist es ein Paradox, dass die Wikileaks heute besonders gut in der westlichen Hemisphäre und mit Attacken auf deren Vormacht USA funktioniert. Warum ist das so?

Unter den US-Bürgern scheint es erstens genug Whistleblower zu geben, die bereit sind, gewisse Risiken einzugehen und Recht zu brechen. Zivilcourage hat eben auch etwas mit Freiheiten zu tun. Anders als in Diktaturen setzen amerikanische Informanten ihr Leben nicht aufs Spiel.

Zweitens stöhnen natürlich viele US-Offizielle, empören sich, wiegeln ab, spielen herunten, ächzen und drohen, aber insgeheim haben sie als Demokraten doch ein Verständnis für die Notwendigkeit dieser Enthüllungen. Es ist Teil des amerikanischen Selbstverständnisses, dass Fehlentwicklungen und Verbrechen (auch die eigenen!) schonungslos an die Öffentlichkeit gehören und dann behoben werden müssen. Selbst der Ex-Botschafter John Kornblum ließ diese Haltung gestern bei Anne Will durchblicken.

Freiheitliche Tradition der USA schützt Wikileaks

Zwar drohen einem der mutmaßlichen Wikileaks-Informanten, der sich selbst outete, im schlimmsten Fall 52 Jahre Haft wegen Geheimnisverrat, aber auch in seinem Fall bleibt der Richterspruch abzuwarten.

Amerika hat eine lange Geschichte von spektakulären Enthüllungen und sogar eigene Wistleblower-Mythen etwa um „Deep Throat“. Von Watergate über die Pentagon Papers bis zu Wikileaks 2010 ist es nicht weit. Selbst der Pulitzer-Preis für die Plattform würde nach diesem Jahr kaum überraschen.

Deshalb bleibt zu hoffen, dass Wikileaks weiter die wirklichen Skandale der USA publiziert – bei den wenig geheimen Diplomatendepeschen darf der Skandalgehalt durchaus bezweifelt werden –, ohne sich dauerhaft auf dieses eine Land zu versteifen. Andere Nationen haben den „Sunshine“ des freien Informationsflusses ebenfalls nötig.

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Krise bei Wikileaks

An Feinden von außen dürfte es Wikileaks nie gemangelt haben – zu radikal ist die Idee der unzensierbaren dauerhaften Veröffentlichung von Dokumenten, die Regierungen, Behörden, Geheimdienste, Parteien oder Unternehmen lieber geheim halten würden. Doch diese Gegner konnten bislang der cleveren Konstruktion mit Servern in verschiedenen Staaten wenig anhaben.

Nun aber steht Wikileaks vielleicht vor seiner größten Herausforderung: Es droht die Zersetzung von innen. Die Seite ist zurzeit down. Diese Woche wurde bekannt, dass sich Daniel Domscheit-Berg, der alias „Daniel Schmitt“ in Deutschland für Wikileaks sprach, aus dem Team zurückgezogen hat. Mit seinem Outing scheint auch der Weg zurück bewusst verbaut. Er soll nicht allein sein, auch Programmierer sollen sich verabschiedet haben.

Wie der Spiegel berichtet scheiden sich die Geister an der charismatischen Führungsfigur Julian Assange. Offenbar ist der nicht nur genial in seinen Visionen neuer Transparenz und technischen Fähigkeiten, sondern auch schwierig im Führungsstil. Das Blog Threat Level des US-Magazins WIRED hat den Moment des Bruchs zwischen Schmitt und Assange dokumentiert; es veröffentlicht ein Chat-Protokoll zwischen den beiden.

Die Auseinandersetzung ist schwer zu bewerten, weil Wikileaks selbst – sicher auch aus Angst vor Eingriffen von außen – immer intransparent geblieben ist. Ich erinnere mich an eine Frage aus dem Publikum bei der letzten Netzwerk-Recherche-Jahreskonferenz an Daniel Schmitt auf dem Podium: „Wie fällen Sie Entscheidungen? Eher basisdemokratisch wie bei der taz oder durch Einzelpersonen und Hierarchien?“ Die Antwort war so unpräzise, dass mir der exakte Wortlaut entfallen ist. Sinngemäß: Irgendwie in der Gruppe.

Nun stellt sich Assange als alleiniger Kopf und Entscheider dar. Threat Level zitiert ihn mit unglaublichen Worten:

„I am the heart and soul of this organization, its founder, philosopher, spokesperson, original coder, organizer, financier and all the rest. If you have a problem with me, piss off.“

Damit wird er Individualisten und klugen Köpfe, die er für das Projekt braucht, eher vergrätzen als motivieren.

Aber egal, wie es mit Wikileaks weiter geht, Fakt ist letztlich, dass die Seite dem lahmenden deutschen Recherchejournalismus mehrfach Steilvorlagen geliefert hat (z.B. die Mautverträge) und es bitter wäre, auf diese Quelle in Zukunft verzichten zu müssen.

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Dieser Wachhund interessiert sich für bissigen Journalismus, den es Experten zufolge in Deutschland gar nicht gibt, der trotzdem immer weniger wird, aber für die Demokratie unerlässlich ist: Investigativen Journalismus. Das Blog will "best practice" Beispiele aus dem deutschen und anglo-amerikanischen Raum zeigen, handwerkliche Kniffe vermitteln und zur Diskussion über Recherche anregen. Der Autor, Lars-Marten Nagel, arbeitet als freier Reporter, Rechercheur und Recherchetrainer in Hamburg und mag vor allem eines: Gut recherchierte Geschichten.